Ein Streifzug durch Akihabara in Tokio im letzten Jahr oder wie alles seinen Lauf nahm…

Akihabara, Electric Town oder Denkigai mit seinem Überangebot an gebrauchten und neuen Elektronikartikeln und viel Pop-Kulturellem lockt viele Interessierte an – nicht nur Tokioter. Natürlich sind hier die großen Ketten wie Yodobashi und BicCamera, aber auch Audio Union, Dynamic Audio oder Hifi Do ansässig – um nur einige zu nennen. Die großen Ketten führen alle Stax im Sortmiment.
Aber warum nur Tokio und Technik? Wenn Tokio, dann muss ich auch ein paar Worte zu Dandelion Chocolate, Factory & Cafe Kuramae verlieren. Dieses Intermezzo muss sein! Viele Japaner sind wahre Connaisseure und immer auf der Suche nach dem Besten aus allen Welten. Exemplarischer Ausdruck dessen sind die vielen Patisserien und Boulangerien, manchmal versteckt in kleinen Nebenstraßen winziger Ortschaften. So ist es kein Wunder, dass wir in Tokio auch einem Tempel gehuldigt haben, der dem Gott der Schokolade gewidmet ist: Dandelion (4 Chome-14-6 Kuramae, Taito City, Tokyo 111-0051, Japan).

Das ist Schokolade in seiner konzentriertesten Form und in höchster Qualität. Meines Erachtens kann das mit einem Pierre Marcolini (den Belgier gibt es selbstredend mehrfach in Tokio) oder Alain Ducasse aus Frankreich in jeder Hinsicht mithalten oder übertriftt diese sogar.

Bevor das hier zum Foodblog mutiert, zurück zum eigentlichen Thema: elektrostatische Kopfhörer. Stax gibt es in jedem der vorgenannten großen Elektronikmärkte und immer zum gleichen Listenpreis. Irgendwelche Preisvergleiche sind damit eher Zeitverschwendung – es sein denn, es laufen gerade spezielle Rabatt-Aktionen.
Eine der besten Adressen für Kopfhörer ist aufgrund der schieren Auswahl e☆イヤホン (e-earphone) in Akihabara, Chiyoda City, Sotokanda, 4 Chome−7−1 新東ビル. In diesem siebenstöckigen Kopfhörerkaufhaus im Elektronikmekka Tokios dreht sich wirklich alles um Kopfhörer in allen erdenklichen Erscheinungsformen – kabelgebunden, kabellos, In-Ear, On-ear und Over-Ear, aber eben auch Reparatur und Modifikation sowie An- und Verkauf gebrauchter Geräte. Neues und Gebrauchtes unter einem Dach anzubieten, ist in Japan eher die Regel als die Ausnahme und sollte auch bei uns Schule machen. Immersives, begehbares und haptisches Ebay sozusagen. Eine phantastische Auswahl und zudem ganz ohne Lieferzeiten! Aber das Beste: man kann so ziemlich alles auch selbst hören. So lauschte ich ausgiebig einem STAX SR-L700MK2 an dem mobilen Transistortreiber Stax SRM-D10 MKII. Meines Wissens der einzigen Stax-Komponente aus China.

Nachdem ich Querbeet einige mir gut bekannte Tracks gehört hatte, befand ich – zumindest in dieser Kombination – den Sound des neuen SR-L700-Earspeakers (MKII) als zu „modern“ und nach meinem Dafürhalten als zu gefällig. Womöglich hat der kleine Transistor-Amp aber auch seinen Anteil daran.

Mein Fazit muss ich womöglich etwas einordnen: Ich bin Kopfhörer-akustisch sozialisiert worden über meinen SR-407 Signature, der in die gleiche Ahnenreihe gehört wie der SR-L700 – gut zu identifizieren mit den rechteckigen Schallwandlern. Mir fehlte bei dem Neuen die Strenge, das Ehrliche, das Analytische, das Sehnige des alten Lambda-Signature-Designs – ohne Pölsterchen und Verdickungsmittel. Der alte SR-407 verhält sich im Vergleich wie ein Mikroskop, mit dem man sehr tief und völlig mühelos in die Musik reinhören und eintauchen kann. Im Zweifel haben eben diese Kopfhörer einen aber auch unmissverständlich wissen lassen, was im Studio nicht so perfekt gelaufen ist, wo aufnahmetechnisch gespart wurde oder nicht so befähigte Tonmeister am Werke waren. Nicht so Audiophiles konnte auch irgendwo zwischen erschreckend, spaßbefreit und nicht mehr entspannt hörbar rangieren – oder alles zugleich.
So verwarf ich meine Kaufabsichten und nahm den „Sound“ als eine von vielen Erinnerungen mit nach Hause. Die Lust auf einen SR-L700MK2 mit seiner Abstimmung bzw. Mittenbetonung war irgendwie verflogen…
Nach meiner Rückkehr aus Japan passierten aber zwei Dinge: Der Stax DR-009D erschien auf der Bildfläche und mein langjähriger „Energizer“, der Röhrenhybridverstärker SRM-006t, wurde generalüberholt und einem grundlegenden Upgrade unterzogen (Beitrag dazu hier). Damit stand die Tür für eine solche Verbindung von Energizer und Kopfhörer weit offen.
Der Stax SR-009D ist Nachfolger des SR-009S Models und seit Januar 2026 offiziell in Deutschland erhältlich. Eine Neuerung neben dem nun vom SR-009BK übernommenen Gehäusedesign ist die Verwendung eines abnehmbares Anschlusskabels. Damit und natürlich dem elektrostatischen Wandlerprinzip hört – verkürzt gesagt – die Verwandtschaft zu den neuzeitlichen Lambdas, wie dem SR-L700, meines Erachtens auf. Zudem sind die „Doppelnuller“ durch die kreisrunde Form der Wandler schon auf den ersten Blick deutlich von den Lambdas unterscheidbar.
Der SR-007S gilt im Vergleich zum 009 als etwas wärmer klingend und benötigt mehr Antriebsleistung, um ordentlich aufzuspielen, so heißt es. Ich habe das mangels SR-007S nicht selbst überprüfen können.
Kommen wir endlich zur 009er Familie. Der Stax SR-009, erblickte 2011 das Licht der Welt und ist der Urahn der aktuellen Modelle SR-X9000 und SR-009S. Den SR-009 gibt es nicht mehr, was Stax aufgrund anhaltender Nachfragen zu einer Neuauflage bewogen haben soll. Der SR-009D soll die entstandene Lücke schließen und den Einstieg in die aktuelle High-End-Linie des Herstellers ermöglichen.
Kopfhörer dieser Liga gibt’s bei Stax stets im stabilen Köfferchen. Dieser ist so mit Schaustoff ausgeschlagen, dass der SR-009D darin sicher verwahrt werden kann – bei Transporten, so z.B. nach dem Kauf. Im Moment steht das Köfferchen rum. Denn wo will ich den Hörer hintransportieren außer auf meinen Kopf? Für die regelmäßige Ablage meiner Staxe verwende ich das hölzerne Tragegestühl namens HPS-2, das optisch so aussieht, als käme es direkt aus den Anfangsjahren der Fertigung elektrostatischer Kopfhörer, also aus den 1960er Jahren. Passend dazu gibt es noch Abdeckhülle mit der ebenfalls griffigen Bezeichnung CPC-1. Diese sieht eher aus wie ein transparentes Regencape, erfüllt aber seinen Zweck. Bei den aktustischen Meriten dieses Tradionsherstellers bin ich ohnehin gewillt, über mache Eigenwilligkeit hinwegzusehen.

Der 009D steht im Ruf, nicht so dünn zu klingen wie das Original oder der 009S. Verantwortlich dafür könnte eine veränderte Gesamtabstimmung sein. Dazu kommen wir noch ausführlicher. Auch der 009D setzt auf die MLER-Technologie (Multi Layer Electrode), die schon bei den Vorgängermodellen zum Einsatz kam. Dazu heißt es „[…] werden fotogeätzte Metallplatten unter Vakuum thermodiffusionsgebunden. Stax gibt an, dass dieses aufwendige Verfahren eine besonders hohe Planarität der festen Elektrode sowie ein kontrolliertes Resonanzverhalten ermöglicht.“ Und das heißt was? Ergebnis der technischen Bemühungen soll ein sehr sauberes, fein aufgelöstes und auch bei hohen Pegeln entspanntes Klangbild sein.
Eines kann ich mit Gewissheit sagen: das ist der beste Kopfhörer, den ich je besessen habe und womöglich auch der beste, den ich bisher gehört habe. Zur Ehrenrettung vieler anderer potenter Schallmützen mit unterschiedlichen Treiberprinzipien muss ich gestehen, dass meine Sozialisierung sehr Stax-geprägt ist. Das Erstaunliche an dieser Orientierung: Ich höre gerne auch Basslastiges, Elektronisches und damit Subsonisches. Die Staxe stehen nicht wirklich im Ruf, hier abzuliefern.
Die traditionellen Meriten der Elektrostaten sind Transparenz, Bruchlosigkeit, Räumlichkeit, Durchhörbarkeit, Ansatzlosigkeit bzw. Schnelligkeit und – je nach Modell – Verfärbungsarmut. So traten mir die Augen vor Überraschung aus den Höhlen als der Stax die ersten Stücke zu Gehör brachte. Was ist das denn? Analytik und Spaß in trauter Zweisamkeit, Langzeit-Hörqualitäten und tonal in allen Registern zu Hause? Das war neu für mich und absolut berauschend – und dazu angetan, schnell süchtig zu machen. Die Nebenwirkungen bis auf das Invest sind überschaubar, aber diese körperhafte Wiedergabe entfaltet eine regelrechte Sogwirkung auf mich.
Wird dafür etwas von den klassichen Tugenden geopfert? Meines Erachtens nein. Es ist alles da, es ist alles exzellent durchhörbar, durchgezeichnet, transparent, extrem räumlich und gut eingebunden bzw. kohärent. Und dieser Schallwandler kann auch bei Bedarf beängstigend pegelfest Musik verabreichen. Kein Buckel in der Frequenzmitte wie ich ihn beim SR-L700 auszumachen meine, aber insgesamt eine eher warme Abstimmung. Keine Musikrichtung unterliegt mehr dem Stax’schen Ausschluss-Prinzip. Um mit einem Extrem anzufagen: Drum&Bass geht – sehr gut sogar. 2Step, Dub und seine Verwandten – gar kein Problem nach meinem Dafürhalten und eine helle Freude! Alles Akustische sowieso: Jazz, Klassik, Folk, Singer/Songwriter, Blues, um nur ein Genres exemplarisch aufzuzählen. Was für ein Spaß! Ganz im Gegensatz zu den alten Lambdas kann ich mit dem SR-009D nun ermüdungsfrei über Stunden und genre-seitig querbeet hören. Das macht eben nicht nur bei Jazz, Klassik und Co. Freude. Zudem verzeiht der SR-009D auch eher schlechtere oder mediokre Aufnahmen. Die Unterschiede zwischen einer schlechten und einer richtig guten bleiben dennoch immer leicht auszumachen.
452 Gramm sind für einen Over-Ear-Hörer nicht wenig. Die gute Passform, die weichen Lederpolster aus echtem Schafsleder und die Verstellmöglichkeit des Bügels lassen das aber sofort vergessen. Ein 10-stufiger Rastmechanismus hilft, die individuell passende Höhenposition des Kopfpolsters einzustellen. Bei meinem Schädel funktioniert das noch ganz gut auf kleinster Stufe. Kleiner dürfte der Kopf dann auch nicht sein! Unbedingt vorher ausprobieren!
Kehrt mit dem SR-009D eine Legende zurück? Die Antwort muss ich schuldig bleiben, da ich weder den Ur-009er gehört habe, noch seine jüngeren Geschwister wie den SR-009S. Was ich mit Sicherheit sagen kann: es ist der beste Stax, den ich persönlich bisher das Vergnügen zu hören hatte und der beste Stax, den ich je besessen habe. Bezogen auf die Abstimmung ganz klar ein anderes Biest als die Lambdas und womöglich der beste Allrounder, den Stax bisher auf den Markt gebracht hat. Die perfekte Wahl für Menschen, die sich nicht entscheiden wollen oder die entsprechend der Musikrichtung den Kopfhörer wechseln möchten. Und das ohne auf Auflösung, Durchzeichnung, Räumlichkeit, Zeitrichtigkeit, Kohärenz, Geschwindigkeit, Natürlichkeit etc. verzichten zu müssen. Womöglich ginge mit einem anderen Energizer noch ein Jota mehr oder anders – je nach geschmacklicher Präferenz. Der Standard-SRM-006t wäre sicherlich das schwache Glied in der Kombination gewesen. Mit den potenteren ECC99-Röhren und der stabilen Konstantstromquelle ist das aber ein richtig gutes und toll klingendes Match.
Wenn die Möglichkeit besteht, den SR-009D mit Ihrer präferierten Musik selbst zu hören, würde ich das unbedingt empfehlen. Aber ich habe Sie gewarnt: dieser Schallwandler kann süchtig machen, aber eben auch sehr glücklich und zufrieden. Vielleicht markiert der SR-009D dann das Ende einer Reise – zumindest beim Thema Kopfhörer!