Das Katapult für elektrostatische Kopfhörer: Frischzellenkur für den Stax SR-006t

15 März

Ich höre immer noch gerne mit meiner Stax-Kopfhörer-Kombination SRS-4040, die ich vor vielen Jahren gebraucht erworben habe. Im Hause Stax ist einiges passiert: Der japanische Hersteller ist 1995 in die Insolvenz gegangen und musste den Betrieb für kurze Zeit einstellen. Bereits ein Jahr ging es an der alten Produktionsstätte unter dem geänderten Namen Stax Limited Company weiter. Im Dezember 2011 gab der chinesische Lautsprecherhersteller Edifier die Übernahme von 100% der Anteile an Stax bekannt. 

Trotzdem ist der japanische Hersteller aus der Präfektur Saitama, nördlich von Tokio immer prinzipientreu und als Marke eigenständig geblieben. Produziert wird unverändert in Japan. Stax fertigt seit 1960 elektrostatische Kopfhörer in Serie. Und diese Kopfhörer, von Stax Earspeaker genannt, genießen einen exzellenten Ruf – auch wenn die Konkurrenz bei hochpreisigen Kopfhörern inzwischen deutlich größer geworden ist. 

Kopfhörer-Energizer Stax SR-006t

Stax SR-006t Speiseteil

Meine Kombination besteht aus einem SRM-006t Speiseteil („Energizer“) und einem SR-404 Lambda Signature Kopfhörer aus der Lambda-Reihe, die 1979 mit dem Modell Stax SR‑Lambda ihren Anfang nahm. Der SR-404 kam 1999 auf den Markt, besitzt den fünfpoligen Pro-Bias-Anschluss mit 580 Volt Ausgangsspannung, der bis heute typisch nicht nur für Stax-Elektrostaten ist. 

Earspeaker Stax SR-404 Lambda Signature

SR-404 Lambda Signature

Charakteristisch für die Lambdas ist die sehr hohe Auflösung, eine natürliche Höhen- und Klangfarbenwiedergabe gepaart mit einem guten Bassbereich. Im Vergleich finde ich das aktuelle Spitzenmodell aus der Reihe, den SR-L700 MkII, zwar moderner spielend, aber auch mittenbetont und nicht mehr so offen und transparent klingend. Für meinen Geschmack keine Alternative.

Der SR-404 sitzt mit seinen knapp 300 g Gewicht bequem auf dem Kopf und die Ohrmuscheln dürften auch größere Ohren problemlos umschließen. Das Erbe der späten 1970er bzw. frühen 1980er Jahre sieht man dem 404 auch an. Heute könnte man die vorherrschend braune Kunststoff-Ästhetik schlicht „retro“ nennen. Er wirkt nicht nur wie aus einer anderen Zeit, er ist es auch. Man kann sich sicher auch trefflich darüber streiten, ob diese Kunststoff-Orgie adäquat für einen Kopfhörer dieser Preisklasse ist. Das alles tritt sofort in den Hintergrund, wenn man ihn hört… Doch dazu später mehr.

Über das elektrostatische Prinzip und die Meriten möchte ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen. Das wird auf den Herstellerseiten und vielen anderen Fundstellen beschrieben und die Wirkungsweise nachvollziehbar dargestellt.

SRM-006t Vorderseite (mit nachträglich angebrachter Markierung für die aktuell eingestellte Lautstärke)

Ebenfalls aus 1999 stammt der vollsymmetrischer Röhrenhybridverstärker SRM-006t mit zwei Endstufen-Röhren vom Typ 6CG7/6FQ7. Damit erreicht dieser einen Verstärkungsfaktor von 60dB. Im Vergleich zu den transistorbestückten Brüdern von Stax spielt er wärmer und farbiger. In Anbetracht der Neutralität der Kopfhörer eine schöne Dreingabe, gerade auch für’s Langzeithören, wie ich finde. Eine Verstärker-Kopfhörer-Kombination also, die nicht ohne Grund seinerzeit genauso im Set angeboten wurde und die ich nach wie vor sehr schätze. 

Gamechanger: Maintenance, repair and overhaul (MRO)

MRO am Kopfhörer

Der Kopfhörer wurde vor einiger Zeit von mir gereinigt und generalüberholt. Schritt-für-Schritt-Anleitungen wie diese (besonders empfehlenswert) helfen bei der Überholung. Zubehör wie Ohrmuscheln lässt sich ebenfalls im Netz finden (z. B. hier). Vor allem der Schaumstoff-Schutz hinter dem Grill war im Laufe der Zeit zerbröselt und das Treiberpaar musste wieder formschlüssig in die Gehäuse geklebt werden. Denn wenn diese nicht richtig dicht im Gehäuse sitzen, gibt es auch keinen richtigen Bass. Und hier möchte ich alles, was ich bekommen kann, denn ein druckvoller, satter oder gar körperlicher Bass ist sicher nicht das Markenzeichen der Stax-Elektrostaten. Vielleicht sind diese damit nicht die erste Wahl für Freunde von Rap, HipHop und Co. Puristen, die Transparenz, Feindynamik und Klangtreue schätzen, sollten Stax aber immer auf dem Zettel haben. Vielleicht ist es damit die finale Kopfhörerentscheidung. Ich kenne nichts Vergleichbares, um in die Musik tief einzutauchen und auch komplexes Material absolut durchhörbar und schlüssig präsentiert zu bekommen – sofern die Aufnahme es hergibt. Hier können die Stax-Earspeaker zuweilen gnadenlos zu Werke gehen. So werden z. B. (unsaubere) Schnitte, künstliche Hallräume, unterschiedliche Aufnahmesituationen ebenfalls zweifelsfrei durchgereicht und können den Genuss erheblich schmälern. Das ist aber nicht den Kopfhörern anzulasten, sondern mediokren Aufnahmen. Nicht ohne Grund wurden und werden Stax-Kopfhörer im Studio und Rundfunk gerne eingesetzt. Und auch der MP3-Standard wurde mit Hilfe dieser transparenten Kopfhörer entwickelt. 

MRO am Energizer

Wer Röhrengeräte besitzt und länger betreibt, kennt das: die Röhren müssen früher oder später durch neue ersetzt werden – sofern das Tube Rolling nicht schon vorher den einen oder anderen Tausch provoziert. Bereits vor Jahren wurden die beiden Röhren in meinem SRM-006t bereits vom damaligen Stax-Vertrieb getauscht. Aber warum bei der Gelegenheit eigentlich nur die Röhren tauschen? Auch Elektrolytkondensatoren unterliegen einem Alterungsprozess. Und was wäre mit einem anderen Typ Röhre, der ein deutliches Mehr an Leistung verspricht?

Viele Stax-Hörer kennen sicher Dominik Stritt, der eine solche Generalüberholung seit Jahren professionell anbietet. Bei der „großen Überholung“ werden alle alten Elektrolytkondensatoren gegen neue ausgetauscht, Sicherheitswiderstände in die Signal- und Bias-Leitungen eingebaut, Anoden-Widerstände gegen eine elektronische Konstantstromquellen (CCS-Modifikation Gen2) ausgetauscht und die bisherigen Röhren vom Typ 6CG7 gegen Röhren vom Typ ECC99 getauscht. 

Stax SRM-006t nach erfolgter Frischzellenkur

Im Bild oben links gut erkennen ist die in das Gehäuse eingehängte CCS-Modifikation (Konstantstromquelle). Die Kondensatoren sind zudem heute bei gleicher Leistung kompakter und damit platzsparender. Das nachstehende Bild zeigt, welche elektrischen Bauteile rausgeflogen sind. Das ganze Umbau-Prozedere wird hier in einem Blog ausführlich und nachvollziehbar beschrieben.

Ausgebaute Bauteile des Ursprungs-SR-006t

Die ursprüngliche Schaltung wird mit den Umbauschritten so modifiziert, dass deutlich mehr Leistung bereitgestellt wird, bei reduzierten Verzerrungen und erhöhtem Headroom. Für mich übersetzt sich das als Kurzfassung wie folgt: „Von allem gibt es nun mehr“. Mehr Raum, mehr Luft, mehr Bass, mehr Höhen, mehr Autorität, mehr Selbstverständlichkeit. Alles noch erwachsener oder ausgewachsener. So viel Musik gab‘s noch nie über die SR-404 Earspeaker! 

Nicht zu vernachlässigender Nebeneffekt: Bisher war ich eher zurückhaltend, mir elektronische, bassgewaltige Musik elektrostatisch zu verabreichen (u.a. dafür gibt es einen dynamisch angetriebenen Focal in meiner Sammlung). Aber jetzt? Die Lambdas spielen sehr tief, trocken, konturiert und prinzipbedingt „schnell“. Mir gefällt das! Da klingt vieles Andere regelrecht „plüschig“, unkonturiert oder übertrieben „fett“. Man kann fast süchtig nach dieser durchtrainierten und weit hinabreichenden Basswiedergabe werden. Und das schreibt ein „Bass-Lover“!

Fazit

Der SRM-006t spielt nicht nur wieder frisch auf und ist zudem betriebssicher, sondern hört sich deutlich besser an als jemals zuvor. Das einzige Problem: dieses höhere Niveau in der Wiedergabefähigkeit öffnet Tür und Tor für neue Energizer-Earspeaker-Paarungen, z. B. mit dem neuen SR-009D, der technisch eng verwandt ist mit den absoluten Top-Modellen von Stax.

Bis dahin heißt es erstmal Musik auf dem neuen Niveau genießen und sich freuen über diesen deutlichen Qualitätssprung auf der Grundlage einer Gerätschaft aus dem Jahr 1999! Denkwürdig bleibt auch, dass ein Konzept aus den 1960er Jahren so weit trägt und heute immer noch viele Mitwettbewerber deutlich deklassiert.

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